Ist unsere Arbeit wirklich 90 € pro Stunde wert?

Ist unsere Arbeit wirklich 90 € pro Stunde wert?

Neulich besuchte mich mein 15-jähriger Neffe. Ungelenk im Sessel fläzend, fragte er: „Echt – Texter sollten 90 € in der Stunde berechnen? Für so ein bisschen Schreiben?“ Bämm – das saß! Auf ein paar Sekunden Schockstarre folgten Erklärungsversuche, warum die Arbeit der Text-Profis im Texterverband „so viel“ wert ist:

  1. Texter schaffen echten Mehrwert für Unternehmen. Sie fassen das in die richtigen Worte, was Unternehmen besonders macht, und ihnen einen Wettbewerbsvorsprung verschafft. Für meinen Neffen eine entspannte Sache, müsse man sich doch nur anhören, was jemand so macht und das dann einfach schreiben. Ich klärte ihn auf: Unsere Aufgabe ist es, so zu texten, dass das Lesen nicht langweilt. Zudem soll der Text echten Erkenntnisgewinn bieten. Und: im Kopf bleiben soll er auch. Die Miene meines Neffen wurde nachdenklicher, als ich fragte, ob er glaubt, das sei z. B. bei zwei Unternehmen mit ähnlichen Produkten eine einfache Sache.
  2. Werbetexter ist kein Ausbildungsberuf. Kreativität und Ideen sind nur bedingt mess- und bewertbar. Alles, was wir schreiben, ist „Geschmackssache“. Dem einen gefällt´s, dem anderen nicht – wie Kunst, Filme oder Musik. Wichtigstes Handwerkszeug: korrekte Rechtschreibung, Grammatik und ein paar Schreibkniffe. Was wirklich gute Texter haben, sind – von mir geschätzte – 30 % Talent und 70 % Erfahrung. Im Texten wie im Umgang mit Kunden und deren individuellen Wünschen. Ohne das eine oder das andere klappt das nicht mit der Selbstständigkeit. Spätestens jetzt hatte ich die volle Aufmerksamkeit meines Neffen. Er verstand langsam, dass das, was oft so leicht aussieht, meist Schwerstarbeit fürs Hirn ist. Auf Sternstunden-Headlines oder überragende Markenclaims kommt man nicht einfach mal so! Es dauert, bis ein Text seine Leser begeistert – wobei wir wieder beim Mehrwert wären.
  3. Abschließend noch die Tatsache, dass nicht mal der langjährigste Profi täglich 8-10 Stunden mit je 90 € fakturiert. Wenn wir 60 % der investierten Zeit bezahlt bekommen, ist das viel. Der Rest geht drauf für Beratung, Administration, Recherche, Buchhaltung, Telefonate, Korrespondenz etc. Und selbst vorsorgen müssen wir auch. Für Auftragsflauten, Urlaubszeiten, Krankheitstage oder die Rente. Und natürlich für die Steuer! Und vergleicht man den Stundensatz von Textern, die mit den richtigen Worten auf den Punkt kommen, Satzzeichen überlegt setzen, Stilmittel bewusst nutzen und das Hirn des Gegenübers positiv irritieren, mal mit dem von Steuerberatern, Rechtsanwälten oder Handwerkern, erscheint der Preis auf einmal moderat – und gerechtfertigt.

Das hat dann auch mein Neffe eingesehen, der nun doch über ein Praktikum im Handwerk nachdenkt.

Text: Annette Jarosch, www.annettejarosch.de

 

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